Schulen für ein selbstbestimmtes Leben

 

Noch immer schickt die indigene Bevölkerung in Cabrican und im Nachbarort Huitan in der Provinz Quetzaltenango in Guatemala ihre Kinder lieber in die Schulen von Padre Pedro als in die staatliche Schule, denn in Padre Pedros Schulen sind die Lehrer regelmäßig anwesend und unterrichten nicht nur die vom Staat vorgegebenen Inhalte, sondern stärken die Kinder auch in ihrer Identität und Kultur.

Als Padre Pedro, Pfarrer Mettenleiter aus Deutschland, 1975 nach Cabrican kam, war die Pfarrei-Schule die einzige Schule am Ort. Die Eltern müssen zwar ein geringes Schulgeld zahlen (aktuell ca. 5 Euro monatlich, das den armen Familien jedoch erlassen wird). 1983 besuchten 3 Mitglieder der Aktion Arme Welt, die ein Jahr zuvor aus einem KHG-Arbeitskreis entstanden war, Padre Pedro in Cabrican. Sie waren von seiner Arbeit und insbesondere der Schule so angetan, dass diese seitdem und bis heute finanziell unterstützt wird. Neben der AAW unterstützt auch der Verein Padre Pedro Guatemala-Hilfe e.V. aus Stuttgart die Schulen, in denen heute insgesamt ca. 300 Schüler unterrichtet werden.

"Jeder Mensch hat das Recht auf Bildung", so steht es in Artikel 26 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte der Vereinten Nationen aus dem Jahr 1948. Bildung befähigt den Menschen, sich selbst stark zu machen. Was vermeintlich so selbstverständlich klingt, wartet in Guatemala mehr als ein halbes Jahrhundert nach dieser Erklärung immer noch auf eine umfassende Umsetzung. Die Interamerikanische Kommission für Menschenrechte stellte in ihrem Bericht aus dem Jahr 2015 über die Menschenrechtssituation in Guatemala fest, dass der durchschnittliche Schulbesuch pro indigenem Kind bei etwas über drei Jahren liegt und damit nicht einmal die komplette Grundschulbildung von sechs Jahren umfasst. "Armut, Rassismus, Diskriminierung, Exklusion, Gewalt und Straflosigkeit sind zu beobachtende Konstanten in Guatemala", so der genannte Bericht. Armut und Bildungsarmut sind eng miteinander verknüpft:
Mangelnde Bildung ist eine der Hauptursachen für materielle Verarmung, und ohne Bildung wird Armut häufig von einer Generation auf die nächste übertragen. 
Sechs Jahre Grundschule reichen jedoch auch in Guatemala nicht mehr aus, um sich auf ein selbstbestimmtes Leben und den Einstieg in den Arbeitsmarkt vorzubereiten, vor allem wenn man bedenkt, dass mehr als 70% aller Werktätigen im informellen Arbeitssektor arbeiten. Daher ist es dringend notwendig, mehr Kindern und Jugendlichen insbesondere höhere Bildungschancen zu verschaffen. 

In einer Vorschulklasse lernen die Kinder Spanisch. In den Grundschulklassen 1 bis 6 werden sie neben den Pflichtfächern auch in Religion und in Mam, ihrer indigenen Muttersprache unterrichtet.

Im Jahr 2003 wurde auch eine Mittelschule (das sogenannte „basico“) gegründet. Während der Staat mittlerweile viele Grundschulen (die sogenannte „primaria“) betreibt, werden Mittelschulen meistens von privaten Trägern betrieben und kosten viel Geld. Daher war es Padre Pedro immer schon ein Herzenswunsch, neben der primaria auch ein basico anzubieten. Im Jahr 2006 konnten Besucher der Aktion Arme Welt an der ersten Abschlussjahrgangsfeier teilnehmen, seitdem wächst die Zahl der basico-Schüler stetig. Aktuell sind an den beiden Grundschulen ca. 200 Schülerinnen und Schüler eingeschrieben, die von 12 Lehrerinnen und Lehrer jeweils vormittags unterrichtet werden. Im Basico werden aktuell etwas über 100 Schülerinnen und Schüler unterrichtet, hier erfolgt der Unterricht fachspezifisch und die 9 Lehrer werden für die Anzahl ihrer Stunden angestellt. 

Gerade das Basico ist wichtig, um den guten Absolventen der Grundschule eine Anschlussausbildung zu ermöglichen. Sr. Lilia, die Direktorin der beiden Schulen, achtet auf Disziplin, Werte und ein gutes Miteinander. So unterscheiden sich unsere Schulen nicht nur in der Abschlussquote von nahezu 98% von den staatlichen Schulen, sondern vor allem in dem christlichen Wertebild und der Achtung der indigenen Kultur.  Gerade in einer unterentwickelten Gesellschaft sind christliche Werte wie Solidarität, Hilfsbereitschaft und Gemeinwohlorientierung ganz wichtig für eine nachhaltige Entwicklung. Denn gerade die Indigenas werden heute nach wie vor wirtschaftlich ausgenützt und gesellschaftlich isoliert. Entwicklungshilfe kann aber nur dann nachhaltig sein, wenn sie von einem solidarischen Wertesystem begleitet wird. Die guatemaltekische Realität ist dafür leider der reale Beweis: trotz an sich guter wirtschaftlicher Rahmenbedingungen und konjunktureller Entwicklungen verstärkt sich die Ungleichheit und die Ungerechtigkeit, da die meisten Guatemalteken nur ihren eigenen Vorteil im Blick haben und ein korrupter Staat diese egoistische Denkweise noch dazu verfestigt. Daher ist gerade hier in Guatemala die Förderung der christlichen Werte bereits in der Schulausbildung elementar wichtig. 

Ein zweites Argument, die Pfarrschulen zu fördern, ist die Vermittlung eines vollständigen und objektiven Geschichtsbildes. In staatlichen Schulen beginnt die Geschichte im Wesentlichen mit der spanischen Eroberung, das Kulturgut der Mayas bleibt auch heute noch weitgehend unberücksichtigt. In unseren Pfarrschulen hingegen lernen die Kinder Lieder und Gedichte in ihrer Maya-Sprache, ihr Selbstbewusstsein als Indígenas wird gestärkt, während ihnen im Alltag und damit auch an staatlichen Schulen gerade das Gegenteil tagtäglich vor Augen geführt wird. 

Für den Abschluss an höheren Schulen benötigen die Schüler inzwischen ein Zertifikat über einen Computerkurs, der jetzt auch in Cabrican absolviert werden kann, nachdem an der Schule ein Computerraum eingerichtet wurde. 

Mittlerweile sinken die Schülerzahlen aufgrund der zurückgehenden Geburtenrate. Lehrer müssen in Guatemala inzwischen ein Studium absolvieren, was nicht bedeutet, dass der Unterricht an staatlichen Schulen besser geworden ist. Die Gehälter der Lehrer an staatlichen Schulen sind höher als die der Lehrer unserer Schulen. Dadurch ist eine relativ hohe Fluktuation unvermeidlich, was jedoch nicht nur negativ ist, denn die von unseren Schulen an staatliche Schulen abwandernden Lehrer können auch eine Multiplikator-Funktion hinsichtlich der Werte haben, die an den Schulen in Cabrican vermittelt werden.

Seit September 2017 ist wieder eine Freiwillige in Cabrican, Anna-Lena Grimm aus Tannhausen. Sie unterrichtet in den beiden Schulen Englisch und berichtet begeistert von der Atmosphäre an den beiden Schulen: 

"Wer sich fragt, warum sich Padre Pedro so sehr zu Guatemala und seiner Gemeinde in Cabricán hingezogen fühlte, muss sich nur die Freundlichkeit der Menschen hier, die ich nirgends anderes so erlebt habe, oder die einzigartige Kultur in diesem farbenprächtigen Land vorstellen. Ich selbst bin jeden Tag aufs Neue von der Kultur, den Menschen und deren Lebensweise fasziniert.
In den Klassen der Primaria sind die Klassenlehrer stets anwesend, um auch ihre Englischkenntnisse zu verbessern.

Die drei Klassen der Básico unterrichte ich zusammen mit Señora Cathy die an drei Nachmittagen als Englischlehrerin an der Básico arbeitet. Sie selbst hat ein Jahr in den USA gelebt und spricht fließend Englisch.

Die meisten anderen Lehrer sprechen allerdings kaum Englisch. Da Señora Cathy nur die Básico unterrichtet, ist man hier immer froh, wenn Freiwillige vor allem in den Klassen der Primaria die englische Sprache unterrichten.

Auch die Kinder freuen sich über den Unterricht der Freiwilligen und nehmen meist motiviert am Unterricht teil und arbeiten fleißig.

Bei einem Gespräch mit einer Schülerin habe ich erfahren, wie dankbar die Schüler für die Bemühungen der Lehrer sind, da viele Lehrer anderer Schulen nur wenig auf die Werte der Schüler achten und auf deren Schwächen eingehen. Auch der Respekt, den sich die Schüler einander und den Lehrern gegenüber entgegenbringen wird an diesen beiden Schulen stark wertgeschätzt. Dadurch können die Schüler viele positive Erfahrungen während ihrer Schulzeit sammeln. Dies führt zu der offenen und freundlichen Schulatmosphäre, die mir bereits am Anfang meiner Zeit in Guatemala stark aufgefallen war. Geprägt wird dieses Klima aber auch durch die guten Ratschläge die die Lehrer den Kindern für ihre Zukunftspläne geben. Hierin sehen die Schüler eine großartige Möglichkeit sich weiterzuentwickeln.

Während einem unserer Gespräche erklärte mir eine 14-jährige Schülerin, die Zahnärztin werden will, dass sie in ihrem Vorhaben stark durch ihre Lehrer und die Schule unterstützt und ermutigt wird.

Die Lehrer selbst sehen in dieser Arbeitsweise eine wesentliche Grundlage der Entwicklung der Schüler, was ich aus einem Gespräch mit dem Musiklehrer Profe Santiago erfahren habe. Des Weiteren meinte er, dass die Lehrer beider Schulen äußerst qualifiziert in allen Fachgebieten sind, was deutlich werden lässt, wie viel Wert die Schule auf die Ausbildung der Schüler legt. Auch die Unterrichtsmaterialien wie Computer und Marimbas, die den Schülern zur Verfügung gestellt werden, um ihnen Musik- und Informatikunterricht zu bieten, sind in vielen anderen Schulen keine Selbstverständlichkeit.

Profe Santiago ist besonders stolz auf den Marimba-Unterricht, den die Schule anbietet. Er sieht darin die Möglichkeit die Schüler nicht nur musikalisch zu unterrichten, sondern ihnen auch die Kultur Guatemalas nahe zu bringen und diese damit in die nächste Generation weiterzuführen.

Diese Leidenschaft der Lehrer ist hier jeden Tag spürbar, was jeden Tag an der Schule zu einer großartigen Erfahrung macht."

Unsere Schulprojekte in Cabrican und Huitan sind mit vielen anderen Initiativen vernetzt – zB dem Projekt Samenkorn, einem Studienhaus für indigene Studenten in der Hauptstadt - und stellen damit in ihrer Gesamtheit eine wichtige und spürbare Verbesserung der Bildungschancen für die indianischen Jugendlichen dar. Gerade eine fundierte Ausbildung ist das A und O zur Übernahme von verantwortlichen Aufgaben in der Gesellschaft. Bildung bleibt die Grundlage für die Mitsprache in Gesellschaft und Politik – und christliche Werte die Basis für eine wirklich nachhaltige Politik der Gerechtigkeit und des Friedens !

Privatschulen werden in Guatemala staatlich nicht gefördert. Die benachteiligte Indigena-Bevölkerung ist auch nicht in der Lage, mit Schulgeld die Kosten selbst zu decken. Ohne die Unterstützung der AAW wäre es für die Pfarrei in Cabrican / Huitan nicht möglich, den Schulbetrieb aufrechtzuerhalten. Jährlich fallen für die Schulen Gesamtausgaben in Höhe von ca. 60.000,-- € für Lehrergehälter, Unterrichtsmaterialien, Gebäudekosten (Instandhaltung, Reparaturen) etc. an. Derzeit werden von der Aktion Arme Welt die Lehrergehälter mit  15.600 € pro Jahr gefördert. 

 

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