Schulbildung für die von der Syrienkrise betroffenen Kinder in der Bekaa-Ebene im Libanon

 

Der Libanon mit nur 6 Mio. Einwohnern beherbergt seit dem Beginn der Syrien-Krise 2011 etwa 1,5 Millionen Geflüchtete aus dem Nachbarland. Damit ist der Libanon das Land mit den weltweit meisten Geflüchteten im Vergleich zu seiner Einwohnerzahl. Wirtschaftlich gibt es seither massive Probleme. Offizielle Statistiken gehen davon aus, dass aktuell über 50% der libanesischen Bevölkerung unterhalb der Armutsgrenze leben, auch infolge der Corona-Pandemie.

 

Gerade auch das Leben der Familien der aus Syrien Geflüchteten ist schwierig, weil sie sich im Libanon nicht niederlassen können, um ein normales Leben führen, aber auch nicht absehbar ist, wann sie in ihre Heimat zurückkehren können ohne Repressalien, Folter und Tod fürchten müssen. Ohne Schulbildung bleibt den Kindern der geflüchteten Familien jede Chance auf eine bessere Zukunft verwehrt.

 

Ein Teil der Geflüchteten lebt zudem illegal im Libanon, das 2015 ein Aufnahmestopp verhängt hat. Diesen Menschen ist deshalb selbst die grundlegendste Unterstützung durch UN-Hilfsorganisationen verwehrt.

Geflüchtete Familien ohne finanziellen Rückhalt leben meist in einfachen, provisorischen oder inoffiziellen Camps, sogenannten „Informal Tented Settlements“ (ITS) die kaum über grundlegende Infrastruktur verfügen. Bis zur nächstgelegenen Schule ist es oft weit.

Die meisten Geflüchteten leben im Norden und Nordosten des Libanons, wo sich auch die internationale Hilfe konzentriert. Etwa ein Drittel lebt im Südosten, in der Bekaa Ebene, wo ein besonders großer Bedarf an Unterstützung besteht und wo die Anzahl der eingeschrieben schulpflichtigen SchülerInnen besonders niedrig ist – mit weiter fallender Tendenz.

 

Die Kapazitäten des libanesischen Schulsystems reichen bei weitem nicht aus, um auch die Kinder der Geflüchteten zu unterrichten. Private und gemeinnützige Initiativen haben zusätzliche Kapazitäten außerhalb der staatlichen Schulen geschaffen und bieten zertifizierten Unterricht an. Waren zu Beginn der Krise 2012/2013 noch „nur“ rund 27.000 Kinder von Geflüchteten an Schulen eingeschrieben, waren es 2018 bereits 220.841. Das sind schätzungsweise nur etwa die Hälfte aller schulpflichtigen Kinder.

 

Neben mangelnden Kapazitäten gibt es eine Reihe anderer Gründe für die niedrige Zahl der am Schulunterricht teilnehmenden Kinder von Geflüchteten: Lange Anfahrtswege und damit verbundene Transportkosten (10%), direkte und indirekte Kosten für die Schulbildung können nicht aufgebracht werden (8%), Kinder syrischer Geflüchteter werden diskriminiert und durch die staatlichen Schulen nicht aufgenommen (8%) oder müssen zum Einkommen der Familie beitragen (6%). Häufig verlassen Kinder im Alter von 14 Jahren die Schule, um zu arbeiten und die Familie finanziell unterstützen zu können. Ebenfalls wirtschaftliche Gründe sind es, die junge Mädchen bereits in diesem Alter in die Kinderehe drängen (7%).

 

Eine der Nichtregierungsorganisationen, die es sich zum Ziel gesetzt haben, den Kindern der Geflüchteten Schulbildung zu verschaffen, ist die Society for Social Support & Education (SSSE) mit Sitz in Beirut, Libanon, die seit 2019 vom dortigen Bildungsministerium anerkannt ist. Geleitet wird das operative Geschäft von der aktiven Rentnerin und Vorstandsvorsitzenden Nimat Bizri, die selbst syrische Wurzeln hat. Sie betreut ehrenamtlich 3 Schulen in der Bekaa-Ebene und seit 2012 Nothilfemaßnahmen für die geflüchteten Familien. So wurden jährlich seit 2012 bis zu 3.000 Schülerinnen und Schülern der Zugang zu Bildung ermöglicht und deren Familien betreut und unterstützt.

 

SSSE finanziert sich hauptsächlich über Privatspenden sowie über Fördermitglieder und Charity-Veranstaltungen innerhalb des Libanons aber auch darüber hinaus im gesamten Nahen Osten. Der Großteil der Kosten des Bildungsprojektes wird als Teilfinanzierung der Sächsischen Staatskanzlei über den deutschen Verein arche noVa e.V. getragen.

 

Die 20.000 € von der Aktion-Arme-Welt Stiftung stellen den Eigenanteil der SSSE für die  drei Schulen in Bekaa, Kamed El Loz und Bar Elias dar. Zu den Projektkosten gehören Aufwandsentschädigungen für Lehrkräfte und Weiterbildungsmaßnahmen, Kosten für Schulmaterialien, Kosten für den sicheren Transport der Kinder zur Schule und zurück, die Betriebskosten für die Schulen und notwendige Personalkosten für den Unterhalt der Schulen bzw. auch Mittel zur Kontrolle der ordnungsgemäßen Umsetzung der Projektmaßnahmen und zur ordentlichen Mittelbewirtschaftung.

 

Soweit möglich, werden die bis zu 1.300 Kinder in Nachmittagsschichten an libanesischen Schulen von freiwilligen libanesischen und syrischen Lehrkräften aus dem Kreis der Geflüchteten unterrichtet. Die Schulen und die dort erworbenen Abschlüsse sind vom Bildungsministerium anerkannt. Sie entsprechen den Standards des Bildungssektors im Libanon, sind kompatibel zum staatlichen Schulsystem und erfüllen auch die Kriterien von UNICEF für Schulprojekte von geflüchteten Kindern. Die Fortbildungen für die Lehrer verbessern auch deren Chancen auf dem Arbeitsmarkt.

 

(Copyright: Society for Social Support and Education, kurz: SSSE)

 

Mädchen und Jungen im Alter von 3-14 Jahren (Kindergarten und Primarschule) erhalten an 5 Tagen in der Woche Schulunterricht.

Wichtig ist auch, den Eltern die zentrale Bedeutung von Schulbildung für deren Kinder und ihrer zukünftigen Entwicklungsperspektiven bewusst zu machen. Lehrkräfte und VertreterInnen von SSSE besuchen regelmäßig die Camps und versuchen, Eltern von schulpflichtigen Kindern über Informationsveranstaltungen zu erreichen. Auch wird darauf geachtet, dass die Schulkinder nicht zusätzlich zur Arbeit und zum Lebensunterhalt der Familie herangezogen und so vom Lernen ferngehalten werden. SSSE leistet zusätzlich zu ihrem Bildungsangebot auch direkte Nothilfe, indem beispielsweise Essenspakete oder warme Kleidung für die Wintermonate verteilt werden.

 

Copyright: SSSE

 

Viele der Kinder haben durch den Krieg und die Vertreibung Schreckliches erlebt. Es ist daher sehr wichtig, dass die Kinder auch über den eigentlichen Schulunterricht hinaus soziale und gesellschaftliche Betreuung und Förderung erhalten. Auch diesen Aspekt ermöglicht SSSE indem es Chorveranstaltungen sowie weitere außer-schulische Aktivitäten und Programme insbesondere auch während der Ferienzeiten anbietet.

 

Zur Gesundheitsvorsorge werden medizinische Konsultationen für die Kinder und Jugendlichen angeboten und es gibt darüber hinaus psychologische Betreuungsangebote für Kinder und ihre Eltern. Regelmäßige medizinische Untersuchungen tragen dazu bei, die Verbreitung des Corona Virus zu reduzieren.

 

2020 hat SSSE ein Distance-Learning-Programm auf die Beine gestellt mit welchem nahezu durchgehend ein Lernprogramm für die syrischen Geflüchteten über den gesamten Pandemieverlauf hinweg aufrechterhalten werden konnte. Seit Januar 2021 stehen zudem insgesamt 160 SchülerInnen der höheren Primarklassen Tablets zur Verfügung, mit denen nun auch online-Unterricht, also live-Unterrichtseinheiten von Zuhause aus möglich sind.

 

Copyright: SSSE

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